Die Gesundheitslüge

Gestern war in Günter Jauchs Sprechsendung wieder mal das Gesundheitssystem dran.

Gelogen wird, wenn man bewusst die Unwahrheit sagt. Ich glaube, dass bei diesem Thema niemand die volle Wahrheit kennt, bzw. dass nicht alles gesagt wird, was man weiß. Interessanterweise stellt niemand die Frage, was im Gesundheitsbereich eigentlich geleistet werden kann, was es leisten soll und was wir uns leisten können. Diese Denkaufgabe spielt sich in allen Köpfen ab, oder sollte es zumindest, wobei hier die Reinheit des Denkens gewahrt werden sollte: die Moral.

Die Moral der Journalisten, der Mediziner, der Pflegekräfte, der Kassen, der Politiker und der Verbraucher (Patienten) ist jeweils eine andere.

Selbst Mediziner a.D. skizziere ich einige Eckpunkte:

1. Zum Helfen und Heilen

Vor über 2000 Jahren hatte nur der unverletzte Krieger nach der Schlacht eine Chance, die verletzten ließ man liegen und sterben: "Wanderer kommst Du nach Sparta …" Mit dieser Einstellung hatte man kein moralisches Problem. In späteren Jahrhunderten sammelte man die Verletzten wenigstens ein, aber ihr Schicksal war vorgegeben, bedauerlich, aber nicht zu ändern. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert setzte mit Florence Nightingale und Henri Dunant ein Umdenken ein. Krankenhäuser kannte man schon länger, Lazarette kamen nun hinzu, der Tätigkeitsschwerpunkt war jeweils die Pflege, die ärztliche Kunst war noch wenig entwickelt. Heute ist das anders, man kann fast alles behandeln und das auch noch meist erfolgreich. Der Schwerpunkt im Krankenhaus hat sich verschoben. Die pflegerische Seite wird weniger beachtet und die ärztliche Tätigkeit als sehr wichtig gesehen. Dabei spielt gerade nach Operationen die richtige Nachsorge eine große Rolle, um ein gutes Behandlungsergebnis zu erzielen.

Der Soldat in der Antike hat sich vielleicht gedacht: "lasst mich in Ruhe", die späteren Kriegsopfer hatten vielleicht den Wunsch "könnt ihr mich hier nicht wegbringen?", der moderne Soldat erwartet, mit Recht, dass man ihn in ein Lazarett bringt.

Die sogenannte stationäre Behandlung beruht IMMER auf dem Wunsch der Patienten.

Wenn jemand aufgenommen werden soll, weil der Hausarzt das für richtig hält und er das rote Formular "Verordnung von Krankenhausbehandlung" unterschrieben hat, KANN der Hilfesuchende aufgenommen werden, wenn er und der Krankenhausarzt das will. Eine EINWEISUNG, ein allgemein benutzter Begriff, der ein MUSS suggeriert gibt es gar nicht.

Genauso werden planbare Operationen nie gegen den Willen des Patienten durchgeführt. Die heute diskutierte "überflüssige" OP ist möglich, weil der Patient es so will! Der Mediziner kann in einen Gewissenskonflikt geraten, wenn er eine mögliche Behandlung einem Patienten vorenthält. Beispiel Bandscheibenvorfall.

Ein Bandscheibenvorfall, der keine Beschwerden macht, als z.B. starke (Nerven-, = Ischias) Schmerzen braucht überhaupt nicht behandelt werden. Die meisten Bandscheibenvorfälle heilen in einem 3 Monatszeitraum ab. Wer ist dazu bereit 3 Monate oder länger starke Schmerzen auszuhalten, wo man die Ursache, nämlich das drückende Knorpelstück wegnehmen kann?

Natürlich wird mit dem Eingriff das grundsätzliche Problem: altersbedingte Degeneration des Bindegewebes, speziell der Wirbelsäule, speziell der Bandscheibe nicht gelöst. Es droht immer das Problem früher oder später eine neuen Vorfall zu bekommen. Zu meiner Zeit wurde zu einer 3 monatigen Schonfrist nach OP geraten, um ein Frührezidiv nicht zu begünstigen.

Wartezeit: ich kenne ein Krankenhaus, das Patienten mit einem "Bandscheibenvorfall" IMMER einen OP Termin gegeben hat: in 3 Monaten!

Meine Erklärung: wenn jemand nach dieser Zeit immer noch Schmerzen hat darf man ihn operieren und wenn die Schmerzen weg sind, wird der Patient schon absagen.

Im Beruf spielt der Erfolg für das persönliche Wohlbefinden eine große Rolle. Ist eine OP glatt gelaufen und war die Heilphase komplikationsfrei, ist der Arzt zu frieden. Der Patient nicht zwangsläufig, dann hat der Arzt ein zusätzlich vorliegendes Problem nicht erkannt bzw. nicht beachtet. Ist der Patient nach dem gegebenen Standard nicht optimal oder gar falsch behandelt worden, sind viele Patienten trotzdem glücklich, "ich bin so gut behandelt worden (betreut, gekümmert etc.)

Früher wurden Krankenhäuser von den Kirchen bzw. sozialen Verbänden betrieben. Die Pflegekräfte, Nonnen, Diakonissen, freie Schwestern waren von Natur aus sehr engagiert und mit der Bezahlung gab es kein größeres Problem. Eine engagierte Pflegekraft ist traurig, wenn sie einen Patienten verliert. Das geht heute ganz leicht: der Patient wird rasch in den ambulanten Bereich entlassen oder in die "REHA" verlegt. Wenn ich mit meinem Job unzufrieden bin, verlange ich mehr Geld.

Die " blutige Entlassung": eine OP Wunde wird nach dem Eingriff verschlossen: geklebt, geklammert oder genäht. Das Nahtmaterial kann man nach ca. 1 Woche entfernen, die Narbe braucht 3 Wochen um einigermaßen fest zu werden, die Heilphase 3 Monate. In dieser Zeit sollte sich jemand kompetent darum kümmern.

Im Idealfall ist das der Operateur. Das ist heute nicht mehr möglich. Oft genug habe ich erlebt, dass sich gar nicht oder nicht sachgerecht gekümmert wurde.

2. Die Kostenfrage

Ein großes Dilemma für den Arzt. Würde er dieses Thema mit dem Hilfesuchenden vor der Behandlung diskutieren, könnte er seine Praxis/ Krankenhaus zu machen. Deswegen wird dieses auf die Verwaltung, die Kassen und die Politik delegiert. Für mich sind Kranke nicht wirtschaftlich zu behandeln d.h. Praxen und Krankenhäuser stehen normalerweise immer vor der Insolvenz.

Da die Kostenfrage für den Arzt, insbesondere den Niedergelassenen sehr wichtig ist, wird dieses Thema bei sogenannten Selbstzahlern ("Privatpatienten") gerne durch die Hintertür behandelt: die Praxishilfe/Arztsekretärin lässt einen Behandlungsvertrag unterschreiben. Das hat zu Folge, dass ein Inkassobüro ("Privatärztliche Verrechnungsstelle") tätig wird. Diese Unternehmen, die Milliardenumsätze machen, gestalten die Rechnung so, dass nichts, was abrechenbar ist, vergessen wird. Die stolze Rechnung enthält dann Posten, die nicht ohne weiteres nachvollziehbar sind. (Werbung: "Wenn Sie uns beauftragen, können Sie mit einer Verbesserung Ihres Einkommens um 20% rechnen)

Von Klinikchefs wird gesagt, dass 1 Mio./Jahr schon drin sein sollten und diese Einnahmen zu 90% von Privatpatienten kommen, aber die Vertragsbedingungen haben sich wohl inzwischen geändert.

Bei den Kassen muss die Bilanz stimmen, wie in jedem Betrieb der Wirtschaft. Ein Patient verursacht immer Kosten. Ein Mensch der nicht zum Arzt geht, ist für die Kassen der Idealfall, die AOK hat sich den entsprechenden Namen gegeben. Ihnen droht nicht die Insolvenz, die Beiträge kann man erhöhen.

Letztlich bezahlt, wie immer, der Patient/Steuerzahler. Da die Nachfrage nach Leistungen im Gesundheitsbereich hoch ist und nicht in Sicht ist, dass eine Beruhigung eintreten wird, wird die Frage der Bezahlbarkeit immer dringender.

Die Medien mit ihren Protagonisten, den Journalisten tragen nicht zur Beruhigung bei, da ein Lieblingsthema dieser Profession ungelöste Fragen sind und das Publikum mit medizinischen Artikeln überschwemmt.

Auch der Versuch der Kosteneinsparung hat eine Historie: vor 30 Jahren sah ich bei Konsiliarbesuchen in örtlichen Krankenhäusern, dass dort viele alte Patienten lagen. Bekannt war, dass die Oma, weil die Familie eine Auszeit brauchte, halt mal eine Woche ins Krankenhaus gelegt wurde und alle waren einverstanden. Die GKV war später damit nicht mehr einverstanden, der MDK wurde beauftragt, die Krankenhäuser zu begehen und zu entscheiden, wer zu entlassen war. Später habe ich mich gewundert, warum kein Arzt vom MDK mehr kam. Ich hörte, das sei jetzt untersagt, die Gewerkschaftsvertreter, die in den Vorständen der Kassen sitzen wollten das so.

Bei der "blutigen Entlassung" ist der Grund ein ähnlicher: hat der Pflegesatz früher in einer Uniklinik € 500.- pro Tag betragen, hat man die Liegezeiten gedeckelt, der Patient wird "blutig" in ein billigeres Krankenhaus verlegt, genannt Reha Einrichtung.

3. Die Politik

Hat eigentlich zu entscheiden, wohin die Reise geht. Sie hält sich aber weitgehend heraus. Da wird gerne auf die ärztliche Selbstverwaltung verwiesen. Diese muss sich mit immer neuen "Gesundheitsreformen" auseinandersetzen, also mit Gesetzen, die die Geldverteilung neu regeln (aber nichts reformieren). Und der Krankenhaus Sektor wird der Marktwirtschaft überlassen.

4. Die Verbraucher/ der Patient

Das Gesundheitssystem ist ziemlich unmenschlich geworden. Viele sind unzufrieden. Viele Gremien, Fachverbände, Lobbyisten, neuerdings Wirtschaftsvertreter, sind an seiner Entstehung und Entwicklung beteiligt, das ganze abgesegnet von der Politik. Nota bene: alle Vorstände, Präsidenten und Parteifunktionäre sind gewählt! Was soll man da machen? Revolution? Boykott? Das ist unrealistisch. Entweder man baut ein Parallelsystem auf, oder wartet auf den Zusammenbruch. Aber wer organisiert oder will das und bezahlt alles?

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